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Primäre Wissenspolitik. Konzept und Fragestellungen

Primäre Wissenspolitik geht der Frage nach, welche prinzipiellen Vorentscheidungen über die Relevanz und Zuschnitt von Fragestellungen in jede Produktion von Wissen eingehen. Die Fragen sind: wer bestimmt wann? wo? warum? wie? was erforscht, erfahren, festgestellt und diskutiert wird, was als gesicherte Erkenntnis gilt, was als solche festgeschrieben, veröffentlicht, weitergegeben, politisch verwendet, betrieblich angewandt wird.

Im Gegensatz zu einer uns geläufigen sekundären Wissenschafts- und Wissenspolitik, die sich mehr auf der institutionellen Ebene der forschenden und transferierenden Einrichtungen und Disziplinen, der wissenschaftspolitischen Programmatik und wissenschaftlichen Publizistik bezieht und in der institutionalisierte Hierarchie und Ressourcen eine große Rolle spielen, zielt die primäre Wissenspolitik, die die primäre Forschungspolitik einschließt, auf die Ebene der Erkenntnisse selbst, ihre Gewinnung, Sicherung und ihr zur Geltung bringen in und durch Forschungsgruppen. Hierbei spielt die Kraft der Wahrheit (Vertrauen) und Normativität (Bindung) eine große Rolle. Entsprechend dieser Unterscheidung verlangt die Form der sekundären Wissenspolitik nach Beteiligung und Demokratie, die primäre erfordert Teilhabe und Kreativität.

Die Frage ist nun, wie es inhaltlich orientierten Forschungsgruppen gelingt, ihre Themen und Forschungsergebnisse in der gewünschten Art und Weise gesellschaftlich zur Geltung zu bringen; wie erklären sich Wirksamkeit und Unwirksamkeit, öffentliche Anerkennung und Ablehnung, gesellschaftliche Wirkung und öffentliche Reputation von Forschungsergebnissen; wie hängen sie zusammen und was schließt sich aus.

Übergreifende Hypothese ist, dass die eigentlichen Neuerungen, Innovationen und auch gesellschaftlich relevanten Erkenntnisse nicht so sehr aus den institutionalisierten Kontexten, sondern (zunächst) aus primären Forschungsgruppen kommen, die in einer bestimmten Art und Weise verfasst sind, oft nicht sehr im Blick der öffentlichen Anerkennung und Förderung stehen, und die doch in einer eindrucksvollen Form wirken, Entwicklungen „nachhaltig“ beeinflussen. Auf dieser Ebene sind, so die Hypothese, die größten Chancen für wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Reformkonzepte, auch auf dem Feld von Arbeit und Gesundheit, zu erwarten.

In einem methodisch orientierten, von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Projekt zur Analyse und Bewertung subjektivierter Arbeit geht es vornehmlich um die Zusammenführung der Diskurse von unterschiedlichen primären arbeits- und sozialwissenschaftlichen Forschungsgruppen in Deutschland. Vor dem Hintergrund aktueller Strukturbrüche in der Arbeitswelt gilt es zunächst, in einer Bestandaufnahme zu klären, welche Methoden der Analyse, Bewertung und Gestaltung von Arbeit derzeit auf welcher Ebene angewandt und vermarktet werden. Ein Methodenvergleich der überkommenen Methoden der Arbeitswissenschaften soll ihre Tauglichkeit für die zukünftigen neuen Formen entgrenzter, flexibilisierter, individualisierter Arbeit bestimmen. Herausforderung ist dabei, die Entwicklung zu Subjektivierung und Entgrenzung von Erwerbsarbeit und das Verständnis eines erweiterten Arbeitsbegriffs methodisch abzubilden, zusammenzuführen und organisatorisch zusammenzudenken - hin zu einem umfassenden Verständnis von Arbeitsqualität und Qualität des Lebens. Deutlich wird hier, wie die eingangs dargestellten konzeptionellen Überlegungen (das Ganze der Arbeit, die Arbeitssituation als Gegenstand, der Konflikt als Hauptaspekt) umgesetzt werden. Das Projekt organisiert zum Zwecke der Erhebung und des Transfers Fachgespräche und Kolloquien an mehreren Universitäten und Einrichtungen (u.a. Uni Bremen, FU Berlin, IG Metall und sfs). Die Ergebnisse werden zunächst für 2007 in zwei Buchveröffentlichungen („Grenzkonflikte der Arbeit. Die Herausbildung einer neuen europäischen Arbeitspolitik“ und „Welt ist Arbeit. Im Kampf um die neue Ordnung“) dokumentiert.